Ems-Zeitung, 02.01.2018

Niederlangen. Das Tunschere basteln ist ein alter, bereits aus dem Mittelalter überlieferter Brauch, der hier im Emsland und Ostfriesland auch heute noch vereinzelt gepflegt wird. Alljährlich um die Jahreswende beschenken sich Nachbarn, Verwandte und Freunde mit der sogenannten Tunschere – so auch in Niederlangen.

Dort hält der Heimatverein die Tradition aufrecht und überbringt seit 1998 jährlich die individuell geschmückte Tunschere als „Ehrengabe“ sowie als Dank und kleine Anerkennung an Bürger, die sich für das Gemeinwohl besonders eingesetzt haben. Am Silvesterabend überraschten die Niederlangener Heimatfreunde Elisabeth Hebbelmann, die bis vor zwei Jahren in Niederlangen wohnte, und heute aus gesundheitlichen Gründen bei ihren Verwandten in Lathen zuhause ist, mit diesem traditionellen Präsent. Hebbelmann erhielt die Tunschere „als kleines Dankeschön“ für ihren langjährigen Einsatz bei der seit 1988 bestehenden Schafhaltung des aktiven Niederlangener Heimatvereins. Weiterhin habe sich Hebbelmann als Gründungsmitglied des Vereins über Jahrzehnte mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann aktiv an den verschiedenen Veranstaltungen und Einsätzen des Vereins beteiligt, so Vorstandsmitglied Alfons Robbe.

Wie der in Niederlangen geborene und in Jever tätige Pfarrer Walter Albers in seiner Ausarbeitung zu diesem Brauch in der Jahresschrift 2000 „Neerlangen use Heimat“ berichtete, geschah in früheren Jahrzehnten das Austragen der Tunschere sacht und geheimnisvoll. Verwandte, Nachbarn oder Freunde brachten sie am Silvesterabend in der Dämmerung heimlich vor das auserwählte Haus, ohne von jemanden gesehen zu werden. Nach lautem Klopfen suchten sie dann das Weite. Sofort versuchten die Hausbewohner, die Überbringer zu fangen. Doch zu dem Ritual gehörte es, so lange wie möglich unerkannt zu bleiben. So schloss sich eine fieberhafte Suche nach ihnen an. Nachdem sie entdeckt waren, wurden sie ins Haus gebeten und reich bewirtet. Der Brauch war Ausdruck guter Beziehungen und wollte bestehende Verbindungen enger knüpfen, so Albers in seinem Betrag.

Die Ausführung der Tunschere selbst zeigte außerordentliche Vielfalt. Oft wurde sie mit besonderer Mühe reich verziert, aus trockenen Stöcken, die fachmännisch gebogen wurden und durch Abschaben der Oberfläche dichtes Kräuselwerk zeigten, gefertigt

Späterhin wurden die Stöcke nicht mehr abgeschabt, sondern mit kunstvoll geschnittenem Seidenpapier verziert. Vielfach wurden noch Beigaben, wie Neujahrsbriefe, Geschenke, Tannenbaumschmuck hinzugefügt oder es wurde eine Kerze in die Tunschere gestellt.

Die Bezeichnung der Tunschere wird laut Pfarrer Walter Albers nicht einheitlich gebraucht. Südoldenburg, das Saterland und der Hümmling kennen die Wärpelraut. Heute wird nur noch an wenigen Orten zwischen Wärpelraut und Tunschere streng unterschieden; oft werden beide Namen für denselben Gegenstand gebraucht. In Niederlangen ist jedoch nur die Bezeichnung „Tunschere“ überliefert.

Die Tunschere ist von der Grundbedeutung her eine Gartenbescherung. Tuun steht in Ostfriesland für Garten. Schere, scheren kommt von bescheren, teilen, so wird Cornelia Nath von der Ostfriesischen Landschaft in der von Walter Albers erwähnten Arbeit zitiert.